Evangelische Profile im Rückblick

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Evangelische Profile

Dem Protestantismus sagt man nach, dass er viele profilierte Intellektuelle und Geistesgrößen hervorgebracht hat. Zehn ganz unterschiedliche Persönlichkeiten aus den letzten 500 Jahren, die verschiedene Wege verkörpern, evangelischen Glauben zu denken und zu leben, werden in dieser Reihe vorgestellt.
Jeder Abend bot ein biographisches Porträt mit Bildern, einen Abriss der wichtigsten Gedanken und die Möglichkeit zu Rückfragen und Diskussion.
Referent: Pfarrer Thomas Lotz

Donnerstag, 12. Oktober, 19.30 Uhr
Evangelische Profile (10): Martin Luther King

Martin Luther King (1929-1968) ist als baptistischer Prediger und gewaltloser Kämpfer gegen die Rassentrennung in den USA bekannt geworden. Er erhielt 1964 den Friedensnobelpreis und wurde vier Jahre später ermordet. Doch was kennzeichnet ihn eigentlich in religiöser und theologischer Hinsicht, angefangen bei seinem eigenartigen Namen? Die Beschäftigung mit seinen Texten öffnet die Tür zu einem Protestantismus der Unterdrückten, der aus dem Glauben Kraft zum Widerstand verleiht.

Donnerstag, 21. September, 19.30 Uhr
Evangelische Profile (9): Paul Tillich

Paul Tillich (1886-1965) ist einer der einflussreichsten Theologen des 20. Jahrhunderts. Zunächst an der Goethe-Universität Frankfurt/Main als Kollege von Horkheimer und Adorno tätig, ging er nach seiner Entlassung 1933 in die USA. Sein Wirken an der Harvard University und der University of Chicago begründete seinen weltweiten Ruf.
Als „Theologe auf der Grenze" ist es Tillich mit seiner Methode der Korrelation von Frage und Antwort, Situation und Botschaft gelungen, die existentiellen Fragen seiner Zeit aufzugreifen und sie als religiöse Fragen zu formulieren, auf die die Symbole der christlichen Botschaft attraktive und nach wie vor aktuelle Antworten sind.

Donnerstag, 22. Juni, 19.30 Uhr
Evangelische Profile (8): Jochen Klepper

Der schlesische Pfarrersohn Jochen Klepper (1903-1942) ließ sich als freier Schriftsteller in Berlin nieder. Einerseits hatte er mit seinem Roman „Der Vater" (1937) großen Erfolg, andererseits ging er der Konfrontation mit dem NS-Regime aus dem Weg, um seine Frau, die „nichtarische" Johanna Stein, zu schützen. Als die gewaltsame Trennung Kleppers von Johanna und seiner Stieftochter absehbar war, gingen die drei kurz vor Weihnachten 1942 durch Gas in den Tod.
Jochen Klepper gilt als einer der bedeutendsten evangelischen Lieddichter im 20. Jahrhundert (u.a. „Die Nacht ist vorgedrungen", „Er weckt mich alle Morgen"). Seine umfangreichen Tagebücher geben Einblick in das Leiden an der nationalsozialistischen Verfolgung und sein Ringen um eine christlich vertretbare Option der Selbsttötung als äußerster Ausweg.

Donnerstag, 11. Mai, 19.30 Uhr
Evangelische Profile (7): Albert Schweitzer

„Ich bin Leben, das leben will,
inmitten von Leben, das leben will.“

Der elsässische Pfarrerssohn Albert Schweitzer (1875-1965) war schon ein erfolgreicher Theologe, außerdem bekannt als Interpret der Orgelwerke Johann Sebastian Bachs. Doch dann beschloss er, die Universitätskarriere auf-zugeben und Medizin zu studieren.

Im Jahr 1913 siedelte er mit seiner Frau Helene nach Afrika über und baute in Lambarene im heutigen Gabun ein Urwaldhospital auf. Neben seiner ärztlichen Tätigkeit war er unermüdlich für den Ausbau des Krankenhauses im Einsatz. In den Abend- und Nachtstunden arbeitete er an seinen philosophischen Texten. Auf Konzert- und Vortragsreisen sammelte er in vielen Ländern Geld und Medikamente für das Hospital. Außerdem kämpfte Schweitzer für atomare Abrüstung und Frieden in der Welt. Für seine vielfältige humanitäre Arbeit erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Friedensnobelpreis.

Seine „Ethik der Ehrfurcht vor allem Leben“, die ihn zum Pazifisten und engagierten Tierschützer werden ließ, ist bis heute inspirierend. Schweitzer ist ein markantes Beispiel für den ethischen Protestantismus des 20. Jahrhunderts.

An diesem Abend veranschaulichen wir Schweitzers Wirken in Lambarene mit Ausschnitten aus dem oscarprämierten Dokumentarfilm „Albert Schweitzer“ von 1957.

Donnerstag, 27. April, 19.30 Uhr
Evangelische Profile (6): Søren Kierkegaard

„Der letzte wirklich protestantische Christ“ – so sah Ernst Bloch den Philosophen und Theologen Søren Kierkegaard (1813-1855). Der „Spaziergänger von Kopenhagen“, der seine Ideen im Gespräch mit den Leuten auf der Straße „ausprobierte“ und unentwegt am Schreiben war, ist heute als philosophischer Gegenspieler von Hegel, Fichte oder Schelling weltbekannt. Gleichermaßen entfernt vom bürgerlichen Christentum und vom zeitgenössischen Atheismus, entwickelte Kierkegaard in seinen Schriften eine Theorie der menschlichen Existenz, die im Glauben ihr Ziel findet. Zur Darstellung seiner Gedanken kleidete er sich in schriftstellerische Pseudonyme, etwa in seinem bekanntesten Buch „Entweder – Oder“.

Kierkegaard verstand sich als bewusster lutherischer Christ, der das Christentum gegen seinen Missbrauch als Rückversicherung des bürgerlichen Lebens und Schmiermittel einer nur zum Schein „christlichen“ Gesellschaft verteidigen wollte. Das führte ihn in die offene Auseinandersetzung mit der dänischen Staatskirche seiner Zeit.

Donnerstag, 23. Februar, 19.30 Uhr
Evangelische Profile (5): Friedrich Schleiermacher

Theologe, Altphilologe, Philosoph, Publizist, Prediger, Pädagoge und Kirchenpolitiker: Friedrich Schleiermacher (1768-1834), Sohn eines reformierten Pfarrers, war ein vielseitiger Intellektueller der deutschen Romantik. Erzogen in einer Schule der Herrnhuter Brüder-gemeine, reagierte er auf die Abwendung der gebildeten Stände vom christlichen Glauben infolge der Aufklärung.

Schleiermacher holt die Religion aus der Defensive, denn sie ist für ihn kein Überbleibsel unaufgeklärter Zeiten, sondern neben Vernunft und Moral eine ganz eigenständiger Faktor der Persönlichkeit jedes Menschen. Mit Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern schreibt er 1799 einer der wichtigsten, aber auch umstrittensten Texte der evangelischen Theologie. Den christlichen Glauben nicht in erster Linie von Gott und der Bibel her zu verstehen, sondern als Gefühlstätigkeit des Menschen, bedeutet eine ungeheure Modernisierung des Christentums, die später das Etikett „Kulturprotestantismus“ erhielt und bis heute das Bewusstsein vieler evangelischer Christen prägt. Als Theologe an der neu gegründeten Universität Berlin, berühmter Prediger an der Dreifaltigkeitskirche und höchst geselliger Berliner Intellektueller war Schleiermacher so einflussreich, dass er der „Kirchenvater des 19. Jahrhunderts“ genannt wurde.

Donnerstag, 2. Februar, 19.30 Uhr
Evangelische Profile (4): Nikolaus Graf von Zinzendorf

Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700-1760), Sohn eines Ministers, aufgewachsen bei seiner ebenso gebildeten wie frommen Groß-mutter, war einer der vielseitigsten und produktivsten evangelischen Köpfe im 18. Jahrhundert, vom Pietismus inspiriert, aber ganz eigenständig und mit großer Weite.

Als Jurist am sächsischen Hof tätig, hatte Zinzendorf seit 1722 auf seinem Landgut in der Oberlausitz evangelische Flüchtlinge aus Mähren und Schlesien aufgenommen. Aus ihnen entstand die Herrnhuter Brüdergemeine. Sie wurde zum Experimentierfeld für seine Idee einer erneuerten christlichen Frömmigkeit, bestimmt vom Ideal der Nächstenliebe und einem dichten Gemeinschaftsleben. Seine hohe gesellschaftliche Stellung nutzte er, um zwischen Kirchen und theologischen Richtungen zu vermitteln. Karl Barth nannte ihn den „ersten echten Ökumeniker“. Dabei verstand er sich stets als Teil der lutherischen Kirche, die ihm jedoch eher skeptisch gegenüberstand.

Zinzendorf musste jahrelang Sachsen verlassen, was er dazu nutzte, seine Ideen in Deutschland und Europa und bis in die Karibik und die USA zu verbreiten. Seit 1731 erschienen jedes Jahr die „Herrnhuter Losungen“, inzwischen in über 60 Sprachen, allein auf Deutsch mit über 1 Million Auflage. Von Zinzendorf stammt das Tischgebet „Komm Herr Jesus, sei du unser Gast“ ebenso wie „Wir wollen es gerne wagen“ und „Herz und Herz vereint zusammen“, zwei seiner rund 2000 Lieder.

Donnerstag, 12. Januar, 19.30 Uhr
Evangelische Profile (3): Paul Gerhardt

Paul Gerhardt (1607-1676), Dichter und Theologe aus dem kursächsischen Städtchen Gräfenhainichen, ist in seinem Leben von vielerlei Katastrophen heimgesucht worden: Der frühe Tod seiner Eltern, die Pest und andere Seuchen, die Verwüstungen des Dreißigjährigen Kriegs, der fast sein halbes Leben lang dauerte, der Tod seiner Frau und vierer seiner fünf Kinder, der Verlust seiner Pfarrstelle in Berlin aus Gewissensgründen und das Exil in Lübben im Spreewald, wo er auch gestorben ist.

Als Paul Gerhardt zu dichten begann, sprach er vielen Menschen seiner Zeit aus der Seele. Sein streng lutherische Glaube war mehr als nur eine Lehre; er konnte das Elend der Zeit auffangen und den Menschen Hoffnung und Trost vermitteln. Seine Lieder wie Ich steh an deiner Krippen hier, O Haupt voll Blut und Wunden, oder Geh aus, mein Herz, und suche Freud begleiten seitdem Christen aller Konfessionen durchs Jahr; zu den Klassikern des evangelischen Kirchenlieds gehören auch  Befiehl du deine Wege, Warum sollt ich mich denn grämen oder Ich bin ein Gast auf Erden mit den eingängigen Melodien von Johann Crüger und Johann Georg Ebeling, die auch durch neue Gesangbücher zur weiten Verbreitung von Paul Gerhardts Liedern beitrugen.

Heute gilt Paul Gerhardt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter der Barockzeit.

Donnerstag, 8. Dezember, 19.30 Uhr
Evangelische Profile (2): Jean Calvin

Jean Calvin (1509-1564) wurde in Frankreich geboren, war schon als junger Mann von Luther beeindruckt und wirkte dann von Genf aus selbst als europäischer Reformator der 2. Generation.

Nachdem er aus Frankreich fliehen musste, stand er mit verfolgten Hugenotten ebenso in Kontakt wie später mit Reformierten in Holland, Schottland, Ungarn und deutschen Städten und Gebieten.

In Genf gab er der Gemeinde eine neue Ordnung, die bis heute die reformierte Kirchenordnung prägt. Er demokratisierte das kirchliche Amt, indem er es in Pastoren, Lehrer, Älteste und Diakone gliederte. Die Gemeindeleitung lag erstmals gleichberechtigt in den Händen von Laien und ausgebildeten Theologen.

In mancher Hinsicht war Calvin ein Kind seiner Zeit, als der er zum Beispiel die Hinrichtung eines Ketzers nicht verhinderte. Anderseits etablierte er in Genf ein Sozialwesen, wie es das sonst nirgendwo gab.

In erster Linie war Calvin allerdings Theologe, sein liebster Platz war der am Pult. Seine Theorie von der Prädestination (Vorhersehung Gottes) wurde oft missverstanden und hatte in der Wirkungs-geschichte fatale Folgen. Deshalb ist es eine spannende Aufgabe, den eigentlichen Calvin freizulegen und kritisch zu beleuchten.

Donnerstag, 10. November, 19.30 Uhr
Evangelische Profile (1): Philipp Melanchthon

Philipp Melanchthon (1497-1560) aus Bretten bei Karlsruhe war ein vielversprechender junger Gelehrter und Spezialist für alte Sprachen, geprägt von der neuen Zeitströmung des Humanismus. Als er 1518 an die Universität Wittenberg berufen wurde, war die Reformation schon am Gären.

Schnell stellte sich Melanchthon auf die Seite der Reformation und wurde einer der engsten Freunde seines Professorenkollegen Martin Luther. Doch steht er mit seiner humanistischen Prägung und seinem vermittelnden Wesen auch im Kontrast zu Luther, der über ihn einmal schrieb: „So sanft und leise kann ich nicht treten." Melanchthon wurde zum Diplomaten der Reformation, der unermüdlich verhandelte, vermittelte und für Gewaltlosigkeit eintrat. Die Trennung von evangelischen und katholischen Territorien und die Spaltung der Evangelischen in lutherische und Schweizer Reformation konnte aber auch er nicht verhindern.

Er schrieb nicht nur den wichtigsten evangelischen Bekenntnistext, die Confessio Augustana, sondern auch auch die erste Gesamtdarstellung der evangelischen Glaubenslehre. An der Bibelübersetzung Luthers war er mit seinen Sprachkenntnissen maßgeblich beteiligt. Besonders wichtig war Melanchthon die Bildung; das Gymnasium, wie wir es heute kennen, geht auf ihn zurück.